Wut tut gut

Emotionen – Turbo unseres Lebens!

Dieser Tage las ich, das Fluchen sei gesund. Eine psychologische Untersuchung habe das ergeben. Es ging um Schmerztherapie.

Fluchende Leute, so zeigte sich, ertrugen in einem direkten Vergleich einen Schmerz länger als die anderen, die, so nehme ich an, „cool“ blieben, in einer gelassenen Stimmung waren, vielleicht hatten sie ja sogar zuvor meditiert. Pech, denn Fluchen ist zuträglicher. Zefix-Donnerwetter-KruzitürkenverdammteAxt und Der Teufel soll alle Lahmarschigen holen!

Ein möglicher Grund der positiven Wirkung, meinte einer der Schmerzforscher, könnte sein, dass bei wild Fluchenden der Sympathikus stimuliert wird, der Teil des vegetativen Nervensystems ist, das auch das Herz höher schlagen lässt, wenn wir uns in Gefahr befinden. Dadurch gerät der Körper in einen erhöhten Leistungs-Modus, der uns weniger empfindlich macht und die Schmerztoleranz erhöht.  Der Körper gerät in den Kampf-Mpdus.

Man kann auch sagen: Adrenalin wird ausgeschüttet bei Wut, und das hält jung. Wer auf Adrenalin ist, kann nicht depressiv sein, wird nicht dement, bleibt frisch. Ja, ich glaube, wenn Gelassenheit in Ergebenheit und gar Untertänigkeit umschlägt, dann ist es bald vorbei mit dem lebendigen Leben.

Explosionen statt Implosion

Ja, das stimmt: Wer so obercool tut, niemals einen Wutanfall rauslässt und Vasen an die Wände schmeißt oder Leute einschlägig beschimpft, implodiert. Viele sehr intelligente Menschen – alle meine Klienten sind ziemlich intelligente Leute – leiden daran, dass sie einfach ihre Emotionen nicht rauslassen können. Das ist schlecht, weil es einsam macht. Und es macht unglücklich.

Sicher, so superhöflich wirkende Menschen fallen nicht unliebsam auf. Die Überangepassten, Beherrschten treten niemandem auf die Zehen und haben mehr Chancen auf soziale Beliebtheit, als die anderen. Aber.

Aber wohin mit den Gefühlen. Ab in den Kerker, den Bunker, den Emotionen-Tresor? Die Gefühle der super-beherrschten Menschen sind nicht weg, sondern sie sind eingefroren. Man spricht in der Psychologie vom „Freeze“-Zustand. Innerlich eingefrorene Menschen können ihre Gefühle nicht zeigen, haben die weggesteckt, nachdem sie unzählige Male verletzt worden sind.

Je intelligenter Kinder sind, desto stärker werden sie versuchen, traumatisierende Erlebnisse, Irritationen durch neurotische, inkompetente Eltern mit der Ratio zu erfassen und so zu verarbeiten. Rationalisierung wird zur Überlebensstrategie. Die funktioniert so lange, bis das System das nicht mehr aushält. Zusammenbruch spätestens in der Mitte des Lebens oder schon vorher, körperlich oder seelisch oder beides zusammen.

Verdrängte Gefühle machen krank

Wer nie explodiert muss die Wut verdrängen, muss sie abends wegsaufen, oder tagsüber mit Essen zustopfen oder kriegt steifen Hals und Bandscheibenvorfall. Wir Menschen sind Gefühlswesen, die lachen wollen und die eben auch Wut kriegen. Es ist eine Frage der Hirnmechanik.

Es wäre selbstverständlich sozial völlig unerwünscht und subjektiv schädlich, würde jemand nach dem Motto „er mir pampig, ick ihm eins in die Fresse“ durch die Welt powern. Das dürfen nur Leute wie Bud Spencer und Terence Hill in Filmen. Und über solche Filme lachen wir uns schief, weil die beiden genau das tun, was wir alle gerne tun würden. Man kann nicht im Normalleben Leute ohrfeigen, Verkehrsblitzer zertrümmern und Scheiben einschmeißen, ohne für verrückt gehalten und bestraft zu werden.

Aber Sie können schon mal richtig fluchen. Und Sie können mal Ihren Schreibtisch leerfegen und einfach schauen, was dann passiert. Psychohygiene nennt man das und, so glaube ich, sie verlängert das Leben und macht es lebendiger.

Persönliche Entwicklung braucht als Treibstoff weniger die Ratio, als vielmehr die Kraft der Emotionen. Wut ist gut gegen die Angst und schützt vor Burnout.