Probleme hochbegabter Erwachsener

Probleme hochbegabter Erwachsener

Sagen wir es ganz kurz und knackig:

  • Hohe Intelligenz und Denk-Geschwindigkeit
  • Langeweile
  • Unterforderung
  • Niedrige Selbstwirksamkeitserwartung
  • Notorische Selbstzweifel
  • Schlechte Performance
  • Zu wenig Anerkennung und Status sowie Gehalt (gemessen am Potenzial)
  • latentes Einsamkeitsgefühl der Andersartigkeit
  • zu wenig Dialog mit Gleichen, Gleichartigen
  • Versagen, Scheitern an den Angebern und „Großmäulern“

Dr. Berle in den Badischen Neuesten Nachrichten

Als mich Sebastian Raviol von den Badischen Neuesten Nachrichten in Karlsruhe im Frühjahr 2019 um ein kleines Interview zum Thema „Hochbegabung“ sowie den speziellen Problemen hochbegabter Erwachsener bat (siehe unten), habe ich mich sehr gefreut, weil auch kleine Beiträge zu großen Problemen helfen, diese peu à peu zu lösen.

Als er gleich zu Beginn sagte: „Sie sind ja selber hochbegabt, nicht wahr?“ musste ich erst einmal sehr lachen.

„Warum lachen Sie?“ fragte er.

Meine Antwort sagte eigentlich schon alles. Ich sagte: „Na, weil ich mir immer noch komisch vorkomme, das frei und offen zu sagen. Man trägt das schließlich nicht wie ein Schild vor sich herum!“ Ausgerechnet ich sagte das, die ich als Coach schon so vielen Hochbegabten aus ihren Selbstzweifeln herausgeholfen habe!

Die meisten Hochbegabten, die ich kenne, würden das genauso halten. Oft höre ich von Klienten auch „Naja, keine Ahnung, da war mal ein Test, ja, irgendwas mit 143 oder so….“ Von Klientinnen höre ich oft, ihr Mann sei sicherlich hochbegabt, aber sie selber gewisslich nicht …

Wer sein Licht untern Scheffel stellt, kommt darunter um!

Wir halten enorm hinterm Berg mit unserer Klugheit, weil wir gelernt haben, die Reaktionen der „normalen Menschen“ zu fürchten, also der Menschen, die der Norm entsprechen und nicht einen Intelligenz-Quotienten von über 120/130 haben, sondern einen zwischen 110 und 80/90. Sie wissen das gar nicht, weil sie nie getestet wurden, weil sie niemals durch besondere intellektuelle Hochleistungen auffielen und auch nicht durch wunderliches Verhalten im Unterricht aus reiner Langeweile. Auch nicht durch eigenwillige Aufsätze oder kreative Lösungen mathematischer Aufgaben, die zwar korrekt, aber den Lehrern unzugänglich waren …. schrecklich für uns Hochbegabte ist auch die Erfahrung, notorisch nicht verstanden zu werden, weil der Mainstream anders tickt, anders denkt, selten kreativ, meist linear und langweilig. Das Bedürfnis verstanden zu werden, das ist Grundbedürfnis eines jeden Menschen. „Vielfalt und Respekt“ heißt mein Buch dazu.

Hochbegabte kommen zu kurz

„Normale Menschen“ sind solche, die in der Mehrheit sind und deswegen die Norm bilden. Das ist keine Qualitätsaussage, sondern eine mathematische. Und weil das so ist, richten sich die Schulpläne eben nach der normierenden Mehrheit und nicht nach der kleinen Minderheit der Hochbegabten, was zum schmerzlichen Problem der Unterforderung hochbegabter Kinder führt und auch eines der übelsten Probleme hochbegabter Erwachsener bleibt.

Ihr individueller origineller Lern- und Arbeitsstil darf sich nicht entwickeln. Anpassungsdruck schnürt die Luft ab. Wer Fragen beantworten muss, die er längst beantwortet hat und aber für seine eigenen Fragen keine Antworten bekommt, denkt leicht, verrückt zu sein. Hochbegabte sind – ja! – unnormal, aber verrückt sind höchstens die anderen!

Eine meiner Klientinnen wurde in der Schule getestet, weil man den Verdacht hatte, sie sei minderbegabt. Heraus kam aber ein ziemlich stattlicher IQ von 138. Sie hatte sich komplett mit ihren Fähigkeiten versteckt und mit einem pseudoidiotischen Verhalten getarnt wie eine weitere Klientin, die als komplette Schulversagerin völlig verzweifelt bei mir anrief und um Hilfe bat. Sie war dermaßen verunsichert und scheu und verschreckt, dass auch ich im ersten Moment an ihrem Verstand zweifelte. Sie hat inzwischen bei Mensa einen IQ-Test mit eindeutigem Ergebnis absolviert …. und sie hat inzwischen ihren ersten Roman (mit ein wenig Hilfe vom Coach) veröffentlicht. Kein Link aus Diskretionsgründen.

Unterforderung, Selbstzweifel, Implosion

Das ist die verhängnisvolle Kette, die die Probleme hochbegabter Erwachsener erzeugt. Underperformer oder Underachiever leben weit unter ihren geistigen Verhältnissen, weil sie immer noch, wie in der Kindheit, meinen, sich an den Stil des Mainstreams anpassen zu müssen, was eigentlich unmöglich ist und nur mit Selbstverleugnung möglich wird. Hochbegabte haben in der Regel auch eine hohe soziale Kompetenz, verbergen die aber aus Angst vor der Mehrheits-Meute, die wieder vielleicht hämisch lacht, anstatt sich führen zu lassen. Also gehen hochbegabte Erwachsene in Deckung und sie schleichen unter Tarnkappen einher, anstatt in Führung zu gehen, wie es vernünftig wäre!

Wer unterfordert statt zur Hochleistung herausgefordert wird, fängt irgendwann an, abzuhängen. Hochbegabte saufen ab im Mittelmaß. Wie fatal verhängnisvoll sich Politik auf hochbegabte Erwachsene auswirken kann, habe ich hier bereits beschrieben. Meine Diagnose ist die: Das deutsche Schulsystem ist ein Handlanger des Populismus und lässt Hochbegabte buchstäblich „links liegen“, weil bei der politischen Linken der dogmatische Gleichheitsgedanke wohnt.

Die schlimme Karrierefolge: Der öffentliche Dienst in Deutschland fördert hochbegabte Erwachsene genausowenig, wie es die Schulen tun. Die besonders gescheiten Köpfe aus den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) verzweifeln an den nepotistischen Strukturen der Forschungseinrichtungen. Auch zahlt die öffentliche Hand dem nerdigen wissenschaftlichen Nachwuchs beschämend wenig Geld, so dass Hochbegabte der staatlichen Forschung sowie Staatsverwaltung schlichtweg verlorengehen. Die Folgen wird das Land zu kommen.

Mein Anliegen ist es …

mein Wissen und meine ganz persönlichen eigenen Erfahrungen auch dafür zu nutzen, möglichst vielen Hochbegabten zu gesundem Stolz und starkem Selbstwertgefühl und zu guten Berufskarrieren sowie persönlichem Glückserleben zu verhelfen. Ich will, dass Hochbegabte in Führung gehen – zum Wohle und Nutzen der ganzen res publica.

alt="BNN-Interview mit Coach Dr. Berle München Stuttgart"

Doch, es stimmt! Ich habe einen Doktor-Titel – aber den nennen Verlage in Deutschland höchstens bei Ärzten ….