Der Mutterwunde entwachsen im Lifecoaching

Traumatisierung durch Liebesmangel: Die Mutterwunde

Als „Mutterwunde“ bezeichnet die Psychologie jene seelischen Verletzungen, die Menschen in früher Kindheit entstehen, wenn die Mutter nicht fähig oder willens war, dem Baby emotionale Geborgenheit, bedingungslose Akzeptanz und Grundsicherheit zu schenken.

Babys benötigen die vollkommene emotionale Hingabe der Mutter, mit der sie zuvor monatelang in einer tiefen Symbiose gelebt haben. Diese körperlich-seelische Symbiose muss sich nach der Geburt in eine wohlwollende emotionale Nähe wandeln. Geschieht dies nicht, entsteht eine anhaltende emotionale Bedürftigkeit – die sogenannte Mutterwunde. Sie kann das gesamte weitere Leben prägen.

Der Liebesmangel in der Kindheit zeigt sich bei Erwachsenen in vielfältigen Formaten: emotionalen Problemen, Beziehungsschwierigkeiten, tiefen Selbstzweifeln, geringer Ich-Stärke und der Unfähigkeit, Liebe zu geben – oder sie anzunehmen.

Betroffen sind Frauen wie Männer gleichermaßen. Doch die gute Nachricht lautet: Weil unser Gehirn plastide und lernfähig ist, lässt sich die alte Prägung überschreiben! Selbstreflexion, Bewusstwerdung und die Entwicklung von Selbstmitgefühl sind die Schlüssel, um Selbstverantwortung zu übernehmen und die Freiheit eines gesunden Erwachsenenlebens zu genießen.

 

So wirkt sich die Mutterwunde im Erwachsenenleben aus

 

Die Folgen und Symptome des Liebesmangel-Phänomens „Mutterwunde“ sind vielfältig und sehr verbreitet.

  • Geringes Selbstwertgefühl: „Ich bin nicht genug, ich verdiene keine Liebe“. „Ich bin schuldig. Ich bin eine Last.“ 
  • Re-Inszenierungen des Liebesmangels in Partnerschaften: „Liebe tut weh. Liebe ohne Schmerz gibt es für mich nicht.“
  • Perfektionismus: „Ich werde höchstens geliebt, wenn ich mich sehr anstrenge und brav bin.“
  • Schwierigkeiten mit Emotionen: „Ich fühle nichts. Nur manchmal werde ich sehr wütend und verstehe mich selber nicht mehr.“
  • Verstummtheit: „Ich kann nie richtig reagieren, wenn man mich angreift.“
  • Selbstschädigendes Verhalten: Selbstverletzungen, Ess-Störungen, Süchte.
  • Wiederholte Muster in Beziehungen: Unbewusst ziehen uns solche Partner immer wieder an, die ähnliche Psycho-Dynamiken wie die Mutter aufweisen. 
  • Depression, Selbstboykott, Unfähigkeit zum Glück: „Es darf mir nicht besser gehen, als meiner armen Mutter.“
  • Hyper-Angepasstheit als Folge von Dressur-Erziehung durch Liebesentzug: „Immer wenn ich eine eigene Meinung hatte, hat sie mich ausgelacht oder geschlagen.“

Ohne Vertrauen gibt es keine Liebe

Mütterliche Gefühlskälte entsteht meist durch selbst erlebten Liebesmangel in der eigenen Kindheit. Durch die Mutterwunde kommt es zu einer transgenerationalen Traumatisierung – der Weitergabe von Mangel, Misstrauen und Angst über Generationen hinweg.

Um ein stabiles Grundvertrauen ins Leben zu entwickeln, brauchen wir als Kinder die Erfahrung, bedingungslos geliebt zu werden. Fehlen Anerkennung, Wärme, Fürsorge und Aufmerksamkeit, schockiert das Babys und Kleinkinder tiefgreifend. Es entsteht das Grundgefühl: „Ich bin nicht genug. Ich bin falsch.“

Kinder verschließen in der Folge ihr Herz und geraten in einen Erstarrungszustand (Freeze). Wenn dann noch herabsetzende Kritik, Unberechenbarkeit, Double-Bind-Botschaften, Liebesentzug oder rücksichtsloses Anreien hinzukommen, verfestigt sich dieser Schockzustand immer weiter.

 

 

 

Mehr darüber, wie uns Kindheit prägt hier:

Gibt es keine „Vaterwunde“?

Doch, die gibt es. Allerdings ist die Mutterliebe in den ersten Lebensmonaten und -jahren biologisch und emotional primär. Die schützende, umfassende Nähe der Mutter ist in dieser Phase unersetzbar.

Der Vater als prägende Instanz tritt vor allem dann verstärkt auf den Plan, wenn das Kind stehen, laufen und sprechen kann – bereit für die Erkundung der Welt. Entwicklungspsychologisch liegt das etwa im Alter von drei Jahren. Wenn der Vater in dieser Phase nicht liebevoll zugewandt ist, verstärkt das die Mängel der Mutterwunde noch weiter.

Eine Klientin fasste es einmal so zusammen:

„Durch die Ungeduld meiner Mutter habe ich gelernt, dass ich nicht genug bin. Durch die Beschimpfungen meines Vaters habe ich gelernt, dass ich störe und zu viel bin.“

Das verdeutlicht das Ausmaß der emotionalen Verunsicherung. Nur Kinder, die sich sicher und angenommen fühlen, können echtes Vertrauen entwickeln.

 

Self-Parenting: Der Weg aus den Kindheitsschrecken

Meine eigene Mutter – eine sehr intelligente, aber im Inneren verhärtete Frau – sagte einmal zu mir, als ich selbst Mutter wurde und mich alte Erinnerungen einholten: „Ach, hör doch auf, in den alten Sachen herumzuwühlen.“

Diese Haltung ist weit verbreitet, führt aber in die Irre. Auch im psychologischen Lifecoaching führt kein Weg am Verstehen der eigenen Kindheit vorbei. Die frühe Kindheit ist unsere Prägezeit, in der viele unbewusste Muster entstehen – meist als Reaktion auf erlebte Lieblosigkeit.

Bewusstmachung und Selbstmitgefühl sind notwendig, um echte Selbstverantwortung zu übernehmen. Es geht dabei nicht um Selbstmitleid, sondern um das Akzeptieren des damaligen Schmerzes. Daraus erwächst Respekt vor der eigenen Geschichte und der eigenen Persönlichkeit.

Indem wir uns heute selbst mit der Fürsorge, Wärme und Aufmerksamkeit behandeln, die wir als Kind vermisst haben, entwickelt sich innere Souveränität und Unabhängigkeit. Der Fachbegriff dafür lautet Re-Parenting bzw. Self-Parenting.

 

 

Die verlorene Wahrnehmung schulen

 

Toxische Mütterlichkeit raubt dem Kind die eigene Wahrnehmung. Wenn ein Kind klagt, sich beschwert, trauert, dann sagen toxische Mütter

  • „Ach, das ist doch nicht so schlimm!“
  • „Das bildest Du Dir nur ein!“
  • „Das wird schon wieder!“
  • „Aber es ist doch gar nichts passiert!“

Den letzten Satz hörte ich unlängst von einer Joggerin, die in einem Pulk junger Männer mitlief. Deren Anführer war entweder im Runner’s High oder blind – er sah mich nicht und rannte mich mit 10 Stundenkilometern und ca. 90 Kilo fast um. Es tat weh, es hätte schlimmer ausgehen können, ich erschrak und geriet in den Schock-Freeze. Ich konnte nicht reagieren. Nach der Schrecksekunde schimpfte ich der weiterlaufenden Horde hinterher und die junge Frau rief den furchtbaren Satz.

Da war er wieder:

„Aber es ist doch nichts passiert!“

Die ganzen alten Kindheits-Erlebnisse, der ganze alte Schmerz wurde angetriggert, aufgewühlt. Und ich spürte förmlich, wie ich innerlich verstummte, wie ich gefühllos wurde. Das ist Freeze.

Ich habe mir fest vorgenommen, sollte so etwas wieder passieren, ungeprüft, unbewiesen und unreflektiert ein lautes „DOCH!“ zurückzurufen. Natürlich war etwas passiert: Man hatte mich übel erschreckt, körperlich attackiert, fast verletzt.

Üben auch Sie das „DOCH!“ Schützen Sie Ihre Wahrnehmung der Dinge, Ihre Gefühle. Schulen Sie das durch Übung: Erst vornehmen, dann mehr und mehr tun.

Selbstzuwendung tröstet das verschreckte innere Kind, dieses jüngere Ich, das in Ihrem Unterbewusstsein fortlebt.

 

Selbstliebe trainieren, zu sich stehen!

 

Wenn Sie über die Mutterwunde hinauswachsen wollen, müssen Sie sich ihr stellen. Wir können nur wachsen, wenn wir uns den Schatten stellen. Das ist unbequem, schmerzlich, aber es bringt Freiheit.

 

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