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halb voll oder halb leer

 

Halb voll oder halb leer, das Glas?

Was sind Sie nur für ein Mensch, wenn Sie „halb leer!“ sagen …

Ja, hallo, heutzutage muss man die Dinge positiv sehen! Das ist geradezu eine Ideologie geworden, will mir scheinen. Und das ist nicht gut. Das ist kontraproduktiv für den Fall jedenfalls, dass Sie gutes Leben erreichen wollen für sich, wozu Selbstverwirklichung gehört. Ich finde Gleichmacherei immer falsch. Ich glaube an den Individualismus, an das Recht auf – auch völlig gegenläufige – freie Meinung. Und ich glaube, dass antizyklisches Denken und Verhalten die Welt erst voranbringt.

Ein Lob des Zweckpessismismus

Mein inzwischen in hohem Alter verstorbener Onkel Willy war Schreiner und insofern ein äußerst konstruktiver Mensch. Meine Oma sagte über ihn spöttisch „Wenn der noch hundert Mark in der Tasche hat, rennt er rum und jammert, er habe kein Geld mehr!“ Onkel Willy war ein vorsichtiger und sehr umsichtiger Mensch und äußerst arbeitsam. Das Glas, halb voll oder halb leer – er hätte im Zweifel gesagt: „Na, wichtig ist es jedenfalls, dass der Keller voll ist!“ Onkel Willy starb sehr wohlhabend und hat seinen Kindern und Enkeln ganz schön was vererbt.

Problemlösendes Verhalten durch „halb leer“

Die meisten Leute negieren heutzutage Probleme. Das schlichte Positive Denken ist Konvention geworden und führt dazu, dass Menschen den Kopf in den Sand stecken, wenn es irgendwann mal klemmt im Job oder im Privatleben. Das waltende Prinzip heißt dann: „Was nicht sein darf, kann auch nicht sein!“ Lethargie, Resignation, innere Kündigung und mangelnde Handlungsentschlossenheit (zugunsten von Dienst nach Vorschrift) sind die Folgen angelernten heuchlerischen „positiven Denkens“. Der Zweckpessimist wie etwa der Onkel Willy sieht die Dinge glasklar und beschönigt nichts mit falschem halb voll – Pseudo-Optimismus. Er benimmt sich vielmehr autark und entschlossen nach dem Gegenprinzip: „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt!“ Es gibt zahlreiche Untersuchungen zum Phänomen und es zeigte sich: Sehr alte Menschen waren häufig keine „think positiv“ – Schwärmer, sondern genau solche kreativen, engagierten Pessimisten wie der Onkel Willy.

Angst und Begeisterung treiben zur Aktion

Das steckt dahinter. Menschen handeln seit Jahrmillionen aus Angst und haben damit Zivilisation geschaffen. Selbstverständlich lieben unsere Gehirne auch die Glückshormonflutung, die dann passiert, wenn wir über irgendetwas in Begeisterung geraten. Ich stelle mir vor, wie irgendwann mal einer der behaarten Vorfahren in einer Mußestunde mit Steinen gespielt hat. Beim Aneinanderschlagen funkte es plötzlich und in der folgenden Begeisterung über die neue Kunst, Lagerfeuer zu entzünden, gab es auch welche unter den behaarten Vorfahren, die anfingen, das Essen zu verfeinern. Denke ich mir mal so. Haute Cuisine entstand also in der Steinzeit und zwar aus Begeisterung. Techniken des Feuermachen wurden  aus Angst vor der Bitterkälte der nachtschwarzen langen Winter entwickelt.

Halb voll oder halb leer

Das ist gar nicht die Frage. Ich glaube, die Lösung liegt in der pragmatischen Ehrlichkeit. Ehrliche Begeisterung kann Berge versetzen. Klare Problemwahrnehmung ist die Voraussetzung um zu handeln und gut für sich zu sorgen. Wolkenkuckucksheimerige Traumtänzer brauchen viele gute Schutzengel! Vorschriftsgelenkte „Think-Positiv-Knechte“ geben das Lenkrad des Lebens ab und mutieren zu Untertanen. Das macht auf lange Sicht schwach und krank. Lassen Sie sich also diese „halb voll“ -Sache nicht länger einreden, sondern urteilen Sie selber, was Sie brauchen und richtig finden.

Dann sorgen Sie dafür, dass die allerwichtigste Regel funktionieren kann: Dass nämlich immer genügend Obst im Regal und genügend Flaschen im Keller sind! Sie gehören dann zu jenen, die keinen Burnout bekommen.