alt="Coaching München & Stuttgart: Dr. Berle-Grafik Selbstwert: Katze sieht sich im Spiegel als Löwe: es kommt darauf an, wie Sie sich selber sehen"

Optimierungswahn

Optimierungswahn

Alle sind die Besten und noch immer besser

Jetzt die auch noch! Die You-can-do-it-Formel … schon wieder ein absolut e-i-n-z-i-g-a-r-t-i-g-e-r  1-Tages-Workshop oder so ein umwerfend singulärer Impulsvortrag von einem der inzwischen sicher bereits 10.000 German TOP-Speaker „Nummer 1!“ der German Speaker’s Assoziation, die alle genau dassselbe lernen, alle den Hyper-Optimismus auf genau dieselbe schreiend geniale Art darbieten, das angeblich ultimative Wissen von Happyness und Positiveness und Moneyness … exklusiv, erfolgreich, performancestark – so langsam kriege ich echt das Gliederzucken, wenn ich solche Meldungen auf den Tisch bekomme. Oder glauben Sie auch an das Hundertfünfzig-Prozent-Glück und zwar A L L E R und immer und jederzeit? Aber Vorsicht:

Wer den Himmel verspricht, schafft meistens die Hölle

Nein, der Satz ist nicht von mir, aber er stimmt trotzdem. Optimierungswahn wird zum Zwang wird zur Diktatur.

Ich meine: Wenn ich die Berichte von Klienten aus den großen Konzernen höre über inkompetente „Leiter“ oder Chefs und jene andere Berichte über tagelange Trainings, in denen Trainer, die nie Unternehmensverantwortung hatten, anderen das Führen beibringen wollen und sich dabei purzelbäumig überschlagen vor strotzender Genialität und Kreativität und Originalität und alle haben sie dieses hyperoptimistische Strahlegesicht aufgesetzt, bei dem man als Normalsterblicher sowieso schon schlechtes Gewissen kriegt, dann kann ich nur ein Wort denken, das heißt: Das ganze Optimismus-Geschwafel ist Lüge! Oder man kann es Affentheater nennen oder reine Show. Oder kurz gesagt: Warum sind die Leute so unglücklich bei der Arbeit bei so viel Power-Kraft und „Yes-we-can!“ und „Yes, we do!“ und noch ein Seminar und noch eins und noch eins und und und? Führt das eigentlich wo hin?

Life ist Fun!

Morgens um 8 ist die Welt noch in Ordnung! Da höre ich auf dem Weg zu einem Businesstreffen mit aktiv arbeitenden Unternehmern aus dem Radio das fröhliche Tralala, man habe ja nun direkt schon das schöne lange Pfingstwochenende vor Augen. Gleich sei es so weit, jubelt der Moderator, und legt Anheizermusik auf. Tralala statt Arbeit. Arbeitet eigentlich noch irgendwer irgendwo? Wo wir doch längst alle durchtrainierte Lebenskünstler sind? Eben, ich glaube, die Mehrheit arbeitet nicht, die WhatsAppt sich durch den Tag, pausenlos, egal, ob die Ampel schon grün zeigt oder nicht. Wie jetzt? Macht sich die Arbeit von selber? Arbeitet der trainierte Chef alleine oder Appt der auch schon?

Und Sie? Was, Sie sind krank?

Wo gibt es denn so was! Wenn Sie die Bestellungen-beim-Universum- und ähnliche Bücher gelesen haben, dann könnten Sie aber gefälligst wissen, dass Sie da was ganz verkehrt machen, wenn Sie krank werden. wenn man das richtig gelesen und kapiert hat und anwendet, dann wird man himmelhoch-glücklich. Nicht krank. Man stirbt dann wahrscheinlich auch nicht. Oder hat halt, wenn es einen doch erwischt,  irgendwas falsch gemacht. So wie die alten Deppen in den Pflegeheimen, von denen ich in meinem Buch „Schluss, sag ich!“ erzähle. Ja, hätten die denn nicht besser trainieren können? Dann hätten sie jetzt eben kein Schließmuskelproblem und kein Zuckerproblem und wären auch nicht deppert im Kopf und wir müssten uns nicht um sie kümmern und das viele Geld ausgeben, wo man sie doch eigentlich auch freundlich zum selbstgesteuerten Abgang ermuntern könnte. Weswegen man es als politisches Thema betrachtet, über würdevolles Sterben rumzuraisonnieren, anstatt das Grundgesetzgebot auf würdevolles Leben umzusetzen.

Krank im Kopf? Was will ich sagen?

Zu mir kommen Menschen, die ratlos sind und oft regelrecht verzweifelt. Ich weiß dann, wovon die reden! Und die bilden sich nichts ein, die haben auch keine Depression, sondern die stehen von Problemen, die aussehen wie Felsgebirge. Ich persönlich war vor allem in den vergangenen 8 Jahren auch sehr oft sehr verzweifelt, als mir die Aufgabe auf die Schultern plumpste, mich um meine demente Mutter zu bekümmern. Jaja, hätte sie nicht besser für sich sorgen können? Mal so ein Aufbau-Training der modernen Art mitmachen können? Ich weiß, wovon ich rede. „Darf man Sie eigentlich auch anrufen, wenn man sich fühlt, wie ein Wurm?!“ hat mal eine hernach Klientin beim ersten Gespräch am Telefon gefragt. Ich glaube, dass sich viele Menschen so fühlen, genau so, aber keiner gibt es zu. Ich fahre schon nicht mehr U-Bahn, weil mich die trübsinnigen Gesichter der dort Versammelten ins Entsetzen ziehen. Macht das ganze Optimismus-Tralala in Wirklichkeit trübsinnig? Oder tun die Aufbau-Seminare nur so, als fänden sie statt? Und Leadership auch?

„Blood, Sweat and tears“ – wie bitte, Sie als Coach??

Ja, das sage ich. Nee, das gefällt mir auch nicht, aber es gehört anscheinend zum Leben. Was mich empört an den Positiv-Hoch-Optimismus-Dampfplauderern, die das Belastende, die Krisen in einem Menschenleben so locker-flockig wegpalavern, ist, dass sie Menschen Stress machen. Zu all dem Unglück hinzu, was Menschen manchmal eben überfällt. Kranke Kinder kommen auf die Welt trotz aller Vorgeburtsdiagnostik, gerade so, als wollten sie sagen: Ja, shit happens und ich bin aber da und kein „Shit“. Ich bin ein Mensch und auch für mich gilt das Menschenwürde-Gebot des Grundgesetzes. Oder hier Ihre Nachbarin, die plötzlich mit dem blauen Auge schon wieder rumläuft und behauptet, die Treppe runtergefallen zu sein. Oder ihr Bruder, hat der auch nicht aufgepasst in den Trainings, dass er plötzlich mit 45 Krebs hat? Oder die wirklich dumme 50-Jährige, die nach 29 Betriebsjahren, justament vor der Unkündbarkeit, gefeuert wurde. Selber schuld, nicht gut aufgepasst!

Grad ich als Coach!

Jawohl, genau ich weiß nach 15 Jahren Menschenerfahrung, dass der alte Spruch, „jeder hat ein Päcklein zu tragen“ saublöderweise mehr oder weniger stimmt. Nicht jedes Päcklein, das ist noch blöder, lässt sich „wegzaubern“. Es gibt Plagen, die nicht weggehen. Es gibt Sachen, die kann man mit gutem Kopf und originellem Denken helfen zu wandeln. Zurück ins Gute. Gottseidank. aber ich fürchte sagen zu müssen: Es gibt nicht ewiges Glück. Mir scheint, die Leben sind wellengängig. Rauf und runter. Alles, was ich versprechen kann, ist, wir können gemeinsam dafür sorgen, dass es viel höher rauf und viel weniger wieder runter geht in Ihrem Leben. Und fragt sich auch sehr: Geht es um „Glück“ oder geht es um liebevolles Menschenleben? Das Glück unterwirft sich nicht dem Mengenprinzip. das Glück ist eine Qualität. Mir scheint, die einzig wichtige.

Glück ist Gefühl.

Zweifeln Sie nicht an sich, wenn es klemmt, wenn das Leben Sie überfordert, wenn der Sohn aus der Spur läuft, wenn die Tochter Ihnen plötzlich vor die Füße spuckt, die Frau Sie unvermutet einen Langweiler nennt, der Mann seine Impotenz auch noch durchs Fremdgehen abreagiert und der Job Sie ohnehin fast zum Wahnsinn bringt, die Firma pleite gegangen ist, ohnehin der Stress und die Unfreundlichkeit immer mehr zunehmen.

Lassen Sie sich nicht einreden, dass Ihr Missbehagen Zeichen Ihres Versagen sei. Hören Sie auf sich. Hören Sie nicht auf den Perfektheits-Hype. Bauen Sie Ihr Leben. Und zwar auf Ihre Art. Das merken Sie daran, ob Sie sich wohlfühlen oder nicht. Mir scheint, die Positiv-Hoch-Optimismus-Dampfplauderer und die Zahl der hängenden Mundwinkel in grauen Gesichtern schon bei Teenagern stehen in Relation zueinander. So viel Stress. Statt Glück. Schenken Sie mal schnell der Nachbarin mit dem blauen Auge ein Lächeln.

Menschen müssen sich anschauen und Zeit füreinander nehmen. Das ist alles. Glaub ich. Und Sie?