Krankheitsnutzen

Der primäre und sekundäre Krankheitsnutzen

Schauen wir den Hund an: Da liegt er bequem in seinem Liegestuhl und ist kein Hund mehr. Aber es ist eben bequem und Schnaps gibt es auch. Der Hund wird gehätschelt und versorgt. Er ist eigentlich kein Hund mehr – wenn wir etwa an Schäferhunde denken oder Bitbulls – aber er muss sich auch nicht mehr wie ein Hund benehmen: Muss nicht mehr bellen, großtun, sich gegen Katzen verteidigen, muss nicht Haus und Hof bewachen – verdammte Axt aber auch: Wäre das vielleicht anstrengend! Vielleicht hatte er Blähungen. Nun liegt er umsorgt da.

In dieser kleinen Geschichte stecken sowohl der primäre als auch der sekundäre Krankheitsnutzen.

Der primäre Krankheitsnutzen

Darunter verstehen Mediziner und Psychiater einen Mechanismus, der mit Krankheiten einhergeht: Kranke müssen nicht mehr schwierige Entscheidungen treffen oder den Lebenskampf kämpfen. Sie liegen hin und sind eben krank: Pflegebedürftig, schutzbedürftig, Objekte für Mitleid und Fürsorge. Sicher, sie sind krank, das ist vielleicht sogar tödlich, jedenfalls unangenehm, aber es gibt den Krankheitsnutzen eben ganz sachlich betrachtet auch. Es wäre besser, die Menschen zu aktivieren, als sie in ihrer Schwäche zu bestärken. Auf lange Sicht. Aber viele wollen das ja auch gar nicht. Und wir sprechen nicht von willensgesteuerten Prozessen, sondern von solchen des Unterbewusstseins.

Der sekundäre Nutzen

Man muss sich um mich kümmern, wenn ich krank bin! Das ist wiederum kein absichtsvolles Bös-Verhalten, sondern einfach ein unbewusster Krankheitsnutzen, aber von großer Tragweite.

Alkoholiker bringen ihre Familienangehörigen in sogenannte Co-Abhängigkeit. Oder andersrum: Die lassen sich hineinziehen. Klar, es gehören immer zwei dazu.

Man kann doch den Menschen nicht sterben lassen???! Man muss es doch immer wieder versuchen????! Sehen Sie: Genau solche Reflex-Überlegungen erzeugen die Co-Abhängigkeit und lassen eine Krankheit sinnvoll erscheinen. Oder eine notorische psychische Schwäche, Depression, Opferhaftigkeit, aus der jemand eigentlich gerettet werden muss. Man kann ihn/sie keinesfalls alleine lassen, zurücklassen für ein glücklicheres Leben womöglich. Nein, wäre unanständig.

Selbst wenn jemand könnte – wieso sollte er/sie aufhören, krank zu sein, wo doch wegen der Krankheit alles sich um diesen Kranken dreht und drehen muss? Eben! Wäre unanständig so einen Menschen zu verlassen.

Der Krankheitsnutzen stabilisiert Komfortzonen

Da sagt sich so leicht: „Man muss eben die Komfortzone verlassen, wenn man vorankommen will!“ Das ist psycho-chillig-moderne Pseudowisserei.

In der Realität heißt das: Aua, es wird unbequem.

Zum Beispiel jener Hochbegabte, von dem ich mal hörte, der einfach nur im Zimmer rumhockt und kein reales Leben führt, Studien abbricht, Jobs ausschlägt – da ist die Hochbegabung eine Art Krankheit. Deutsch gesagt handelt es sich um gestörtes Verhalten. Würde nun dieser junge Mensch dieses Verhalten durch Engagiertheit ersetzen, würde er endlich Verantwortung für sein Leben übernehmen – mei: die Eltern wären frei und würden sich nicht mehr dermaßen um ihn sorgen! Auch könnte es geschehen, dass er mal einen Fehler macht und ausgelacht wird. Wer will das schon?! Eben. Das riskiert viellecht der Trump in USA, sonst niemand.

Oder die Frau mit der attestierten Depression: die von einer Psychotherapie in die nächste rutscht und die Familie mit Besorgnis erfüllt: Stellen wir uns vor, sie würde ein lösungsorientiertes Coaching machen – was würde passieren, würde sie erstarken und der Welt wieder ihr ganzes Potenzial zeigen statt der Schwäche? Die Familie wäre glücklich! Aber dann würden sich alle mit anderem beschäftigen und die Frau stünde nicht mehr im Mittelpunkt. Vielleicht würde natürlich aber auch die Frau – das habe ich schon öfter erlebt als ein Mal – die krankmachende Familie verlassen …

Oder nehmen wir an, sie wäre ein Mann, auch das habe ich schon öfter so erlebt:

Stünde der Mann wieder selbstbewusst im Leben, hätte er die Opferrolle verlassen – ja, du liebe Güte, dann müsste er damit rechnen, dass seine hübsche wohlhabende Ehefrau, die vor lauter Unglück über diesen trauernden Mann schon wild im Internet in den Foren herummacht, dass die ihn dann verlässt. Weil sie einen richtig starken neuen Mann gefunden hat. Und jetzt durch die deutliche Gesundung des bisherigen Mannes kein schlechtes Gewissen mehr haben müsste. Wenn sie ihn verlässt.

Aber andererseits würde ihr eigenes Leben dann nicht gefährlich unbequem werden? So dass sie lieber doch noch weiter den „depressiven“ Mann erträgt? Und ein unehrliches Leben lebt? So komplex sind die Zusammenhänge der Stagnation.

Freude am Leiden

Da muss man nichts mehr sagen, das ist selbsterklärend: Auch wenn das Leid ja sicher keine direkte Freude macht – es schafft Nutzen und verhindert den Austritt aus den Komfortzonen.

Obige Geschichten hörte ich übrigens von Klienten und Klientinnen in meiner 20-jährigen Praxis schon sehr oft. Es sind eher Frauen als Männer, die Krankheitsnutzen ziehen, was eine gesellschaftliche Disparität der Beziehungen als Grund hat.

Es sind aber auch Männer, die in sogenannte Depression  verfallen und dann lieber doch nicht ihr Leben ändern. Weil sie wie wir alle die vermeintliche Sicherheit vermeintlicher Komfortzonen einem befürchteten Lebenskampf vorziehen. Auch wenn er frei machen würde.

Vielleicht auch fürchten sie, die Liebe könnte nicht stark genug sein.

Und Sie nun – was quält Sie im Leben? Und was würden Sie verlieren, beendeten Sie diese Qual? Seien Sie ehrlich.

Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Dies ist der erste Schritt: Achtsamkeit, Wahrnehmung, Erkenntnis, Diagnose. Dann nach vorne denken und handeln!

Übrigens…

Sollten Sie etwa feststellen, dass Sie gar nicht „krank“ sind, aber beständig sich unter Wert verkaufen, dann sage ich: Das ist eine krankmachende Strategie. Deren verborgener Nutzen ist es, dass Sie meinen, auf diese Weise mehr geliebt zu werden, als wenn Sie Ihre Größe zeigen. Wer sich klein macht, wird aber nicht geliebt, sondern ausgenutzt und bemitleidet. Und der Mann sagt zu Ihnen vordergründig: „Ja, Schatzi, Du bist die Allerbeste, ohne Dich läuft hier ja gar nichts!“ Und in Wirklichkeit hat er für den Spaß längst eine Geliebte. Vice Versa.