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Hochbegabung

Glückwunsch, mein Sohn, Herr Doktor!

Hochbegabung ist harte Arbeit

Ich erinnere mich an jene Angela, die in der gymnasialen Mittelstufe neu in unsere Klasse kam. Schriller Charakter, Mathe-Ass, Physik-Ass, naja, die konnte eigentlich alles spitzenmäßig außer Singen. „Mensch, bist Du schlau!“ Aber wenn man sie lobte, fauchte sie. „Meinst Du etwa, ich müsste nicht lernen!?“ Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist, aber ich weiß, was aus meinem Sohn geworden ist knapp 31 Jahre nach seiner Geburt: Er ist jetzt ein Doktor der Physik und zwar hat er die Prüfung mit Eins Komma Null gemacht. Magna Cum Laude. Wieso man ihm nicht gleich die Summa Cum Laude gab, versteht man nicht. Sicher aber ist: Keiner seiner Erfolge ist ihm zugefallen. Auch er hat sich abgerackert.

Das wollen wir mal festhalten: Absolut nicht jeder hochbegabte Mensch bringt seine Talente auch auf den Markt. Damit Potenzial zur Performance wird, ist einiges an Investition erforderlich. Erst von den Eltern, dann immer mehr vom Kind selber. Und der Erfolg hängt stark davon ab, in welchem Land man lebt.

Deutschland ist nix für Überflieger

Unternähme man einen Nationen-Vergleich in Sachen Hochbegabung, wären die Leute in den USA am schlausten, wo Extrem-IQs von über 145, ja über 200 auf Bäumen zu wachsen scheinen. Viel Medien-Hype um Unsinn. IQ-Testexperten halten die US-Ergebnisse aus test-statistischen Gründen für hochfrisiert. Letztlich müsste man für einen aussagekräftigen interkulturellen Intelligenz-Vergleich überall dieselben Test-Verfahren anwenden. Sicher ist, Sonderbegabungen sorgen in den USA für  Begeisterung und bei uns sorgen sie für neidische Abwehr.  Ich kenne das deutsche Schulsystem zweifach aus eigener Leidenszeit und als Mutter eines hochbegabten Buben: Deutschland ist das Land der Ausbremser. Besser als Eins Komma Null ist im deutschen Promotions-System  Summa Cum Laude, was „Ausgezeichnet“ sagen will, weil jemand besser als sehr gut auftrat. Aber Summa wird in Deutschland sehr ungern vergeben.

Kein Jubel über Hochbegabung

Kennen Sie den: „Jede Mutter denkt, ihr Kind sei das Schönste und Beste – aber bei mir stimmt’s!“ Ich hatte ein hier und da wunderliches, aber insgesamt begeisternd aufgewecktes schönes Kind vom lieben Gott geschenkt bekommen. Die ganze Familie freute sich und sagte „hier stimmt der Witz!“ Schwierigkeiten gingen los, als sich die sozialen Kreise erweiterten, was im Kindergarten begann. Dort wurde meinem 3-jährigen Sohn seine bezaubernde Originalität als  mangelnde Anpassungsbereitschaft vorgehalten. Er wollte nicht das machen, was die Kindergärtnerin für alle sich ausgedacht hatte und verkroch sich lieber in die stille Ecke mit den Bausteinen. Vielen Hochbegabten ist es zu laut im Kindergarten und in der Schule. Das muss man wissen. Wenn ich heute über diesen und jenen US-amerikanischen Geniekopf lese, er habe sich bereits mit 3 Jahren Gedanken über physikalischen Gleichungen gemacht und sei mit 20 Professor geworden, dann kann ich nur laut lachen. Alles völlig unmöglich in Deutschland.

Tarnkappe statt Hochbegabung

In Deutschland muss man seine Begabung verstecken, um nicht für irre zu gelten. Zwar hat sich die falsche Annahme der kompletten Gleichheit aller Menschen seit 20 Jahren zum Dogma entwickelt und dazu geführt, dass von Amts wegen auch Minderbegabte massenhaft zum Abitur geschoben werden durch entsprechend indoktrinierte Eltern und Lehrer. Von dieser Art des Bildungseifers profitieren die tatsächlich außergewöhnlich Intelligenten überhaupt nicht. Im Gegenteil.

Hätte mein Sohn etwa die Kindergärtnerinnen mit seiner Vorliebe für lange große Zahlen konfrontiert – leicht vorzustellen, was passiert wäre. Niemand hätte gejubelt, niemand hätte sich mit ihm dort gefreut. „Klugscheißer“, „Tenniseltern“, das hätte man gedacht und denkt man noch heute, wenn ein Kind durch Begabung hervorsticht. Es sticht hervor – die bildhafte deutsche Sprache sagt, was Sache ist. Womöglich wäre eine außergewöhnliche Elternversammlung einberufen worden mit dem Ziel, dieses unnatürliche Kind irgendwoanders hinzustecken. Also ziehen Hochbegabte die Tarnkappe über.

Je stärker die Eltern, desto glücklicher das hochbegabte Kind

Wir Eltern haben selber gezweifelt an unserem Kind. Zum Beispiel deswegen, weil er zwei Jahre lang einfach nichts sagte. Ärzte vermittelten den Verdacht der Minderbegabung. Hat das Kind einen Ohrenschaden oder hat es einen Dachschaden? Wir wechselten zum Kinderarzt mit Empathie und Verständnis, aber etwas Sorge blieb hängen. Ich erteilte meinem Kind komplizierteste Aufträge, die er schweigend exakt ausführte. Mit 3 Jahren sprach er plötzlich in komplexen Sätzen und fing an, Briefe zu schreiben. Er rechnete in den Tausendern und wartete in der ersten Klasse höflich viele Wochen lang darauf, dass die Zahl 7 eingeführt werden würde, die er vorgab, genau wie alle anderen noch nicht zu kennen. Aber in der zweiten Klasse war seine Geduld weg.

Die Grundschullehrerin klagte: „Da springt er plötzlich auf, rennt in der Klasse herum und wedelt wie wild mit den Armen! Ja, das geht doch nicht!“ Ich hatte einen meiner hellen mütterlichen Momente und entgegnete: „Ja, was tun denn Sie, wenn Sie sich langweilen? Würden Sie da nicht auch am liebsten mit wedelnden Armen rumrennen?“ Die Langeweile der Hochbegabten! Kinder haben ja noch keinen bis wenig Begriff vom Phänomen „Zeit“ – dass die verrinnt, dass auch die schrecklichste Schulstunde 45 Minuten dauert und nicht länger. Kinder meinen ziemlich lange, das Schreckliche währe ewig.

Wie man Hochbegabung pflegt und fördert

Man muss sie erst mal erkennen! Eines Tages entdeckten wir Eltern in den 1990er Jahren einen Zeitungsartikel über Hochbegabung, der uns ein Licht im Kopf aufgehen ließ. „Deswegen!!“ Große Erleichterung, Kontaktaufnahme mit der Gesellschaft fürs hochbegabte Kind (DGhK), Austausch und Rückenstärkung. Heute gibt es den riesigen Informations-Pool des Internets und erleichtert Eltern das Engagement, das hochbegabte Kinder brauchen, um nicht zu versacken. Sie als Eltern haben die Entscheidungskompetenz, Sie haben die Verantwortung, Sie müssen sich engagieren!

Dies sollten Sie als Eltern tun:

Unser Sohn durfte eine Grundschulklasse überspringen. Rechnen Sie damit, dass Ihr Kind sich sträuben wird, aber bleiben Sie fest. Sie wissen mehr als Ihr Kind, Sie sind erwachsen. Das Aushalten der Langeweile stumpft ein Kind ab und bedeutet eine Demütigung, die oft lebenslang niederdrückend wirkt.

Hochbegabte brauchen Herausforderungen. Eine Klasse zu überspringen ist intellektuell und emotional eine solche Herausforderung, die Energie mobilisiert und letztlich Zufriedenheit erzeugt.

Hochbegabte brauchen Struktur, denn Struktur gibt Kindern Sicherheit und Erfolge: Lassen Sie Ihr Kind Sport treiben, lassen Sie Ihr Kind ein Instrument lernen. Tun Sie dies nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Fürsorge. Geben Sie Ihrem Kind die Chance, durch Disziplin Erfolgserlebnisse zu machen und die Selbstwirksamkeitserwartung zu festigen.

Hochbegabte brauchen gleichintelligente Peers: Hochbegabte finden Geborgenheit und Ansporn zur eigenen Individualität insbesondere im Kontakt mit Gleichen.

Nehmen Sie Probleme nicht einfach hin. Treten Sie zielbewusst für Ihr Kind ein, solange es das nicht selber tun kann. Wenn es etwa in der Schule nicht klappt, dann suchen Sie eine andere Schule. Seien Sie dynamisch und kühn.

Je mehr und mutiger Sie Ihrem Kind helfen zu wachsen, desto mehr wachsen Sie mit!

Der IQ-Test – ja oder nein

Es gilt unter Psychologen die Regel, dass Intelligenztests dann gemacht werden sollten, wenn sie dem Kind nützen. Mich haben schon übereifrige Mütter angerufen, die nach Tests für Dreijährige fragten. Das ist Unsinn, ein so kleines Kind zu testen. Richtig ist es, sich dem eigenen Kind mit größter Aufmerksamkeit zuzuwenden, das Kind nicht anzuzweifeln, sondern mit Begeisterung und Dankbarkeit die vielen wundervollen Zeichen der Hochbegabung anzunehmen wie ein Geschenk. Hochbegabung ist ein Geschenk und keine Plage.

… wie und warum

Der IQ-Test muss von speziell kundigen Psychologen angeleitet werden. Und als Hochbegabten-Eltern sollten Sie energisch nach einem Psychologen suchen, der oder die Erfahrung mit Hochbegabten hat! Lassen Sie sich nicht von Schulämtern das Ruder aus der Hand nehmen!

Der IQ-Test kann notwendig werden, um ihr Kind zu schützen vor Fehlbeurteilung. Er kann helfen, um Ihr von Unterforderung geplagtes Kind bei der Stange zu halten, seine Aufmerksamkeit wieder anzustacheln. Ein IQ-Test ist eine echte Herausforderung. Mein eigener Sohn war begeistert, als er den Test mit 9 Jahren machte. Noch niemals hatte man ihm so schwere Fragen gestellt! Er glühte vor Begeisterung und fühlte sich ernstgenommen und geehrt. „Oooch!“, schnaufte er nach zweieinhalb Stunden höchster Konzentration, „ist das schon wieder vorbei??“

Selbstbewusstsein!

Wir diskutierten in der Familie das Testergebnis und seine Bedeutungen immer wieder völlig offen. Und wir machten ab, dass das ein Familiengeheimnis war, das man nicht mit anderen Leuten erörtern musste. Wir erlebten nach dem IQ-Test ein erheblich selbstbewussteres Kind! Stolz und Lob!

Denken Sie immer daran: Das größte Problem hochbegabter Kinder (und Erwachsener) ist Unterforderung verbunden mit zu wenig Lob. Und die Einsamkeit ist ein Problem – wo sind nette Leute, die so sind wie ich? Wir Menschen sind als soziale Wesen darauf angewiesen, uns in den Augen der anderen wiederzuerkennen, gespiegelt zu werden. Wer mit einem IQ über 130 zu den Hochbegabten gehört, wird sein Leben lang nur wenige Menschen finden, die gleich gut oder besser sind. „Ich fühle mich ja wie ein Monster!“, weinte im Coaching mit mir einmal ein 10-jähriges hochbegabtes Mädchen (IQ 143), das von den neidischen Mädchen seiner Klasse gemobbt wurde.

Im Leistungssport außerhalb der Schule fand sie gleichartige Freunde. Suchen Sie für Ihr Kind gleichartige „Monster“ und es wird ein glücklicher Mensch sein, der seine Talente nicht versteckt, sondern entwickelt.